Juden in Burghaun

Schon Mitte des 16. Jahrhunderts werden Juden, die bei den Rittern von Haune ein befristetes Schutz und Wohnrecht hatten, erwähnt. Insbesondere nach den großen Menschenverlusten des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) lag es im Interesse der Gebietsherren möglichst schnell wieder neue Steuerzahler zu gewinnen. So entstanden nach dieser Zeit feste Judenansiedlungen in Burghaun und im Hünfelder Land.

Im Jahr 1830 zählte man in Burghaun 18 jüdische Haushalte mit 81 Personen, darunter neben Handelsleuten und Viehhändlern zwei Lehrer, ein Bauer, ein Hüttner, ein Seifensieder, ein Knecht. Bis 1905 entwickelte sich Burghaun mit 164 Personen nach Rhina zur zweitgrößten Judengemeinde im Altkreis Hünfeld. Die kleineren Gemeinden im Umkreis hatten sich aufgelöst, da ihre Mitglieder größtenteils in die größeren Ortschaften mit Bahnstation gezogen waren. Davon profitierte auch Burghaun, das den überwiegend Handel treibenden Juden durch seine beiden Bahnstationen eine höhere Mobilität in ihrem Gewerbe bieten konnte.

Die Reichsgründung 1871 brachte den Juden die endgültige Gleichstellung mit den übri-gen Bürgern, wovon auch die Burghauner Juden als Mitglieder in der Gemeindeverwaltung und in örtlichen Vereinen rege Gebrauch machten. 25 jüdische Männer zogen in den ersten Weltkrieg, drei von ihnen starben “fürs Vaterland”.

Obgleich das Zusammenleben von Christen und Juden bis zum Beginn der Nazi-Herrschaft als überwiegend friedlich erlebt wurde, fand seit den 1920er Jahren eine deutliche Abwanderung statt, die sich durch den Terror der NS-Verfolgungszeit weiter verschärfte. Zählte man am 5. Januar 1936 in Burghaun noch 80 jüdische Einwohner, so war die Gemeinde im November 1939 auf 34 Personen zusammengeschrumpft.  Drei von ihnen konnten Burghaun noch in “letzter Minute” verlassen, einer starb im Oktober 1941 eines natürlichen Todes.

Die 30 zurückgebliebenen Menschen wurden von Burghaun aus deportiert: 16 von ihnen (zehn Erwachsene und sechs Kinder) am 8. Dezember 1941 über Kassel nach RIGA – zwei Frauen am 1. Juni 1942

ab Kassel nach MAJDANEK bei Lublin – die beiden letzten jüdischen Familien mit insgesamt fünf Erwachsenen und fünf Kindern am 5. September 1942 über Kassel nach THERESIENSTADT. Eine Person kam ins KZ Dachau und von einer weiteren ist der Zielort der Verschleppung unbekannt. – Drei von diesen 30 jüdischen Menschen überlebten die Konzentrationslager und emigrierten nach ihrer Errettung in die USA.

Von den zwischen 1930 und 1942 in Burghaun ansässig gewesenen Juden wurden mehr als 50 Menschen Opfer der Judenvernichtung.

Aus dem Leben der jüdischen Gemeinde

1910 wurde die neue Synagoge in der Ringstraße 12 festlich eingeweiht. Sie stand im Grasgarten hinter der alten Synagoge, einem Lehmfachwerkbau, der längst zu klein und baufällig geworden war und 1912 abgerissen wurde. Die schöne, im maurischen Stil erbaute neue Synagoge bot Platz für 98 Männer und 52 Frauen.

Während der “Kristallnacht” ging sie am Morgen des 10. November 1938 in Flammen auf und brannte vollständig aus. Auch das unweit der Synagoge stehende Ritualbad wurde durch Brandstiftung vernichtet. Die jüdischen Männer wurden verhaftet und wochenlang im KZ Buchenwald inhaftiert. Der Gottesdienst soll danach in der Wohnstube von Anschel Braunschweiger in der Dimbachstraße stattgefunden haben.

Seit 1847 war man bestrebt die bestehende israelitische Religionsschule unter Leitung von Lehrer Nathan Adler in eine selbständige Elementarschule umzuwandeln, was aber zunächst an einem geeigneten Lehrer scheiterte. Denn Adler war nur Religionslehrer und bereits 64 Jahre alt. 1855 trat schließlich Lehrer Hermann Strauß aus Lohrhaupten seinen Dienst als Elementar- und Religionslehrer an. Bis zu dieser Zeit hatten die jüdischen Kinder am Elementarunterricht in der evangelischen Schule teilgenommen.

Nachdem man sich jahrelang mit ungeeigneten Schullokalen behelfen musste und die Schülerzahl stark angestiegen war, wurde 1883 ein geeignetes Gebäude in der Ringstraße erworben, das Raum bot für einen großen Schulsaal und eine Lehrerwohnung. Diese neue israelitische Schule diente etwa ab 1885 bis zu ihrer Schließung 1933 als selbständige jüdische Volksschule. Der letzte Elementarlehrer war Berthold Katz aus Breitenbach am Herzberg. Die elf verbliebenen und die fünf in den folgenden Jahren eingeschulten Kinder verteilte man auf die beiden christlichen Konfessionsschulen.

Ab 1. September 1937 wurde die Judenschule nochmals als Bezirksschule genutzt, die alle noch im Kreis Hünfeld lebenden jüdischen Schulkinder zu besuchen hatten (außer Rhina). Nach der totalen Verwüstung des Schulsaals während des Novemberpogroms unterrichtete Lehrer Hermann Adler die wenigen Kinder etwa bis zum Sommer 1939 reihum in den Privathäusern.

Der große jüdische Friedhof in Burghaun, der bereits seit 1690 besteht, war Zentralfriedhof für sämtliche Judengemeinden (außer Mansbach) des Hünfelder Landes. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts legten die Gemeinden Erdmannrode, Langenschwarz, Rhina und Wehrda eigene Begräbnisplätze an. Der letzte Grabstein auf dem Burghauner Friedhof wurde für Anschel Braunschweiger gesetzt. Der 1942 zuletzt dort Begrabene ist Nathan Strauß, der im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde. In den 1960er Jahren ließen überlebende Juden aus New York einen Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof in Burghaun setzen, auf dem es heißt:

In den Jahren der Gewaltherrschaft von 1933 – 1945 verloren durch die Verfolgung 154 jüdische Menschen aus dem Kreise Hünfeld ihr Leben. Zur Erinnerung und Mahnung wurde dieser Gedenkstein errichtet.

 

In den 1960er Jahren von überlebenden Juden errichteter Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof in Burghaun
In den 1960er Jahren von überlebenden Juden errichteter Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof in Burghaun